Fami­li­en­nach­zug seit August 2018

Seit der Ein­füh­rung des Kon­tin­gents im August 2018 beob­ach­ten wir das Ver­fah­ren und sei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Men­schen in der Pra­xis. Wir beglei­ten außer­dem in zwei aus­ge­wähl­ten Ein­zel­fäl­len (Fall 8 und Fall 9) Fami­li­en, deren Kin­der wäh­rend der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs voll­jäh­rig wur­den.

Am 1. August 2018 trat ein neu­es Gesetz (Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Fami­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten) in Kraft.  Danach gibt es kei­nen Rechts­an­spruch auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung, son­dern nur noch das Kon­tin­gent von 1000 Per­so­nen pro Monat, wel­ches nach huma­ni­tä­ren Grün­den aus­ge­wählt wer­den soll. Huma­ni­tä­re Grün­de sind nach dem Gesetz die Dau­er der Tren­nung, Min­der­jäh­rig­keit, Gefähr­dung und schwer­wie­gen­de Erkran­kung oder Pflegebedü̈rftigkeit. Das Kin­des­wohl soll beson­ders berück­sich­tigt wer­den. Nega­ti­ven Ein­fluss auf die Ent­schei­dun­gen haben Straf­ta­ten. Eine „gute Inte­gra­ti­ons­leis­tung“ soll belohnt wer­den.

Die 1000 Per­so­nen pro Monat ste­hen in kei­nem Ver­hält­nis zu den Ter­min­an­fra­gen bei den deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen. Zuletzt war­te­ten 21.000 Men­schen auf einen Ter­min zur Antrag­stel­lung bei den deut­schen Bot­schaf­ten. Auch ist inzwi­schen klar, dass die von Innen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer pro­gnos­ti­zier­ten Zah­len von 300.000 Ange­hö­ri­gen, die nach Deutsch­land kom­men soll­ten, weit über dem lagen, wie vie­le tat­säch­lich im Wege des Fami­li­en­nach­zu­ges nach Deutsch­land ein­ge­reist sind: 32.000!

#1001

Umso dra­ma­ti­scher ist, dass die monat­li­chen Kon­tin­gen­te nicht voll aus­ge­schöpft wer­den. Im Sep­tem­ber 2019 wur­den nur 746 Visa erteilt. Wor­an liegt das? Die monat­li­chen Antrags­zah­len las­sen dar­auf schlie­ßen, dass nicht mehr als 1000 Per­so­nen im Monat bei den Bot­schaf­ten vor­spre­chen dür­fen. Damit liegt der Fla­schen­hals bei den Bot­schaf­ten. Zu einer Prio­ri­sie­rung aus huma­ni­tä­ren Grün­den kommt es gar nicht erst. JUMEN ist dazu im Gespräch mit Bera­tungs­stel­len und der Anwalt­schaft und prüft mög­li­che Schrit­te vor Gericht. Denn auch #1001 hat ein Recht auf Fami­lie!

Fami­li­en, deren Kin­der wäh­rend der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs voll­jäh­rig wur­den, sind nach der aktu­el­len Behör­den­pra­xis von der neu­en Rege­lung aus­ge­schlos­sen. Das gilt sowohl für den Eltern­nach­zug, als auch für den Kin­der­nach­zug.

Das neue Gesetz stellt auf die Min­der­jäh­rig­keit ab, legt jedoch nicht fest, zu wel­chem Zeit­punkt die­se vor­ge­le­gen haben muss: zur Asyl­an­trag­stel­lung, zur Vis­ums­an­trag­stel­lung oder bei Ein­rei­se der Fami­lie? JUMEN meint, dass es weder mit dem Kin­des­wohl, noch mit dem grund- und men­schen­recht­lich ver­brief­ten Recht auf Fami­lie ver­ein­bar ist, wenn Fami­li­en das Recht auf Fami­lie für immer ver­lie­ren sol­len, weil sich Asyl- oder Visums­ver­fah­ren ver­zö­gern oder der Fami­li­en­nach­zug aus­ge­setzt wird. Die­se Fra­ge wird das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt­klä­ren müs­sen. Wir beglei­ten dazu Fami­li­en in zwei aus­ge­wähl­ten Ein­zel­fäl­len (Fall 8 und Fall 9).

Link: Cana Mun­gan, Sebas­ti­an Muy und Dani­el Weber, Fami­li­en­tren­nung auf Dau­er? Die Neu­re­ge­lung zum Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten, in: Asyl­ma­ga­zin 12/2018, S. 406–415