Fami­li­en­nach­zug seit August 2018

Seit August 2018 ana­ly­sie­ren wir die Pra­xis des neu­en Visums­ver­fah­rens beim Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten und haben die Ergeb­nis­se zusam­men mit Pro Asyl in dem Gut­ach­ten „Zer­ris­se­ne Fami­li­en – Pra­xis­be­richt und Rechts­gut­ach­ten zum Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten“ im März 2021 ver­öf­fent­licht. Das Fazit ist bit­ter: Grund­ge­setz, Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, EU-Grund­rech­te-Char­ta und UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on wer­den durch die Neu­re­ge­lung des § 36a Auf­en­thG ver­letzt. Die Fami­li­en wer­den von den jah­re­lan­gen War­te­zei­ten bei den Bot­schaf­ten, aber auch im wei­te­ren Ver­fah­ren bei den Aus­län­der­be­hör­den zer­mürbt, ihr Leid wird noch nicht ein­mal mehr öffent­lich wahr­ge­nom­men.

Wir beglei­ten wei­ter­hin Fami­li­en vor Gericht, bei denen eine Ein­rei­se nicht mög­lich ist, weil die Kin­der, die nach­zie­hen wol­len oder die auf ihre Eltern war­ten, wäh­rend der Aus­set­zung voll­jäh­rig gewor­den sind (Fall 8 und Fall 9).

Die Kon­tin­gen­t­re­ge­lung – Fami­li­en­nach­zug wird ver­hin­dert

Am 1. August 2018 trat nach zwei­jäh­ri­ger Aus­set­zung ein neu­es Gesetz für den Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten (Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Fami­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten) in Kraft. Damit wur­den sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te und ihre Fami­li­en schlech­ter gestellt als vor der Aus­set­zung. Danach gibt es kei­nen Rechts­an­spruch auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung, son­dern nur noch das Kon­tin­gent von 1.000 Per­so­nen pro Monat, wel­ches nach huma­ni­tä­ren Grün­den aus­ge­wählt wer­den soll. Huma­ni­tä­re Grün­de sind nach dem Gesetz die Dau­er der Tren­nung, Min­der­jäh­rig­keit, Gefähr­dung und schwer­wie­gen­de Erkran­kung oder Pfle­ge­be­dürf­tig­keit. Das Kin­des­wohl soll beson­ders berück­sich­tigt wer­den. Nega­ti­ven Ein­fluss auf die Ent­schei­dun­gen haben Straf­ta­ten. Eine „gute Inte­gra­ti­ons­leis­tung“ soll belohnt wer­den.

Seit August 2018 wur­den ins­ge­samt nur 19.056 Fami­li­en­nach­zugs­vi­sa erteilt. Aktu­ell lie­gen noch für 11.400 Per­so­nen ent­spre­chen­de Ter­min­an­fra­gen vor. Rech­net man dies zusam­men beträgt die aktu­el­le Zahl nur ein Zehn­tel der dama­li­gen Pro­gno­se. Der heu­ti­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer hat­te in den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit der SPD Anfang 2018 gewarnt, bis zu 300.000 Ange­hö­ri­ge wür­den nach Deutsch­land kom­men wol­len, wenn der Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten wie­der ermög­licht wür­de.

Im gesam­ten Jahr 2020 wur­den statt 12.000 mög­li­chen nur 5.311 Visa welt­weit an Ange­hö­ri­ge von sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten durch die deut­schen Bot­schaf­ten erteilt, also 44,2 % des fest­ge­leg­ten 1.000er Kon­tin­gents. In den 29 Mona­ten seit Beginn der Neu­re­ge­lung wur­den statt der zuge­sag­ten 29.000 Visa nur 19.056 Visa erteilt, das sind 65,7%.

Gericht­li­che Kon­trol­le der neu­en Rege­lung kaum mög­lich

Oft­mals wer­den kaum mehr als 1.000 Anträ­ge im Monat von den deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen an die Aus­län­der­be­hör­den in Deutsch­land wei­ter­ge­lei­tet. Das Aus­wär­ti­ge Amt deckelt die Ter­mins­ver­ga­be und schafft hier einen Fla­schen­hals. Damit wer­den die Ver­fah­ren ver­zö­gert und das Bun­des­ver­wal­tungs­amt muss­te noch nie Fäl­le wegen des Kon­tin­gents ableh­nen. Auch kann nur kla­gen, wes­sen Antrag bear­bei­tet und dann abge­lehnt wur­de. Die Fäl­le, die mit ihren Anträ­gen nie durch­kom­men oder in War­te­schlei­fen hän­gen, kom­men nicht ohne Wei­te­res vor das zustän­di­ge Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin.

JUMEN hat bereits die Mög­lich­keit einer Untä­tig­keits­kla­ge geprüft, nur auf­grund der aktu­el­len Coro­na-Pan­de­mie, wel­che eben­so dazu führt, dass Anträ­ge nicht bear­bei­tet wer­den kön­nen, sind die Erfolgs­chan­cen aktu­ell vor Gericht eher gering. Denn das Aus­wär­ti­ge Amt kann sich dar­auf beru­fen, die Ver­zö­ge­rung beru­he im kon­kre­ten Fall allein auf der Schlie­ßung der Bot­schaf­ten wäh­rend der Pan­de­mie. Den­noch: Die Zah­len bele­gen, dass bereits vor der Pan­de­mie das Ver­fah­ren ver­schleppt wur­de.

Lan­ge War­te­zei­ten, feh­len­de Prio­ri­sie­rung

Der Antrag­stel­lung bei den Aus­lands­ver­tre­tun­gen gehen War­te­zei­ten für Ter­mi­ne, um vor­spre­chen zu dür­fen, von 12 bis 18 Mona­ten vor­aus. Danach sind die Aus­län­der­be­hör­den am Zug – vie­le blo­ckie­ren durch, im Gesetz nicht vor­ge­se­he­ne, Prüfan­for­de­run­gen. Bei­spiels­wei­se wird in der Pra­xis oft der Wohn­raum­nach­weis oder die Lebens­un­ter­halts­si­che­rung gefor­dert, wel­che aus­drück­lich kei­ne Vor­aus­set­zung sein sol­len. Dar­über hin­aus ist das Ver­fah­ren vom Aus­wär­ti­gen Amt so orga­ni­siert, dass weder bei den Bot­schaf­ten, noch bei den Aus­län­der­be­hör­den, noch beim Bun­des­ver­wal­tungs­amt eine Prio­ri­sie­rung von beson­de­rer Här­te statt­fin­det. Das bedeu­tet, die auf­wän­di­gen und zeit­rau­ben­den Prü­fun­gen von Inte­gra­ti­ons­as­pek­ten oder huma­ni­tä­ren Grün­den wird am Ende gar nicht gebraucht und ist red­un­dant. Durch das Nicht­prio­ri­sie­ren wird zudem Art. 3 UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on ver­letzt, weil Kin­der nicht bevor­zug berück­sich­tigt wer­den.

Ver­stö­ße gegen Grund- und Men­schen­rech­te

Die Begren­zung auf das 1.000er Kon­tin­gent eben­so wie das nicht aus­ge­schöpf­te Kon­tin­gent sowie die erheb­li­chen War­te­zei­ten ver­sto­ßen gegen das Recht auf Fami­li­en­le­ben in Art. 6 GG und in Art. 8 EMRK.

Das Kin­des­wohl gem. Art. 3 UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on wird man­gels feh­len­der Prio­ri­sie­rung nicht berück­sich­tigt.

Die unter­schied­li­chen Rege­lun­gen für Men­schen mit Aner­ken­nung nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK-Flücht­lin­ge) und sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te ver­sto­ßen gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Grund­ge­set­zes, der EU-Grund­rech­te-Char­ta und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Es gibt kei­nen Grund, poli­tisch Ver­folg­te aus Syri­en anders zu behan­deln, als vor Fol­ter, Todes­stra­fe oder unmensch­li­cher Behand­lung durch das Assad-Regime Geflo­he­ne. Bei­de Grup­pen kön­nen auf unbe­stimm­te Dau­er nicht in das Her­kunfts­land zurück.

Voll­jäh­rig wäh­rend der Aus­set­zung – und jetzt?

Fami­li­en, deren Kin­der wäh­rend der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs voll­jäh­rig wur­den, sind nach der aktu­el­len Behör­den­pra­xis von der neu­en Rege­lung aus­ge­schlos­sen. Das gilt sowohl für den Eltern­nach­zug als auch für den Kin­der­nach­zug. Das Aus­wär­ti­ge Amt argu­men­tiert damit, dass es im Zeit­punkt, als die Kin­der den Antrag stell­ten und spä­ter voll­jäh­rig wur­den, das neue Gesetz noch gar nicht gab, und sie sich jetzt nicht mehr dar­auf beru­fen kön­nen. Doch selbst wenn die Neu­re­ge­lung bereits in Kraft war, stellt das Aus­wär­ti­ge Amt beim Eltern­nach­zug, anders als beim Kin­der­nach­zug nicht auf den Zeit­punkt der Antrag­stel­lung ab, son­dern auf den Zeit­punkt des Ein­tritts der Voll­jäh­rig­keit. Wes­sen Eltern bis dahin nicht ein­rei­sen, die ver­lie­ren ihr Recht auf Fami­li­en­nach­zug. Aus Sicht von JUMEN ver­stößt die­se Auf­fas­sung klar gegen Art. 6 GG, Art. 8 EMRK, Art. 24 EU-Grund­rech­te-Char­ta sowie Art. 3 UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on. Hier­über wird das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schei­den müs­sen, denn zu der Neu­re­ge­lung, wel­che nur eine Ermes­sens­re­ge­lung dar­stellt, hat es sich bis­her noch nie geäu­ßert. Klä­rungs­be­dürf­tig ist eben­falls, ob die EuGH-Recht­spre­chung, wonach beim Eltern­nach­zug zu GFK-Aner­kann­ten auf den Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung abzu­stel­len ist (vgl. EuGH, Urt. v. 12.04.2018, C‑550/16), über­trag­bar ist.

Hier­zu beglei­ten wir Fami­li­en und ihre Anwält*innen in aus­ge­wähl­ten Ein­zel­fäl­len vor Gericht (Fall 8 und Fall 9).

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