Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Geschütz­ten

JUMEN arbei­tet seit 2016 zum The­ma Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten und dem Recht auf Fami­lie. Aktu­ell beglei­ten wir in zwei Fäl­len Fami­li­en vor Gericht, bei denen eine Ein­rei­se nicht mög­lich ist, weil die Kin­der wäh­rend des Ver­fah­rens voll­jäh­rig gewor­den sind (Fall 8 und Fall 9).

Von März 2016 bis Ende Juli 2018 war der Fami­li­en­nach­zug zu Geflüch­te­ten mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus für über zwei Jah­re pau­schal aus­ge­setzt. Seit August 2018 ist der Fami­li­en­nach­zug ein­ge­schränkt wie­der mög­lich.

Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, Arti­kel 8, Absatz 1
Jede Per­son hat das Recht auf Ach­tung ihres Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens […].

Vor August 2018

JUMEN hat gegen die Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten, der von März 2016 bis August 2018 galt, Kla­gen und Vis­aver­fah­ren von acht Fami­li­en mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung durch die Rechts­hil­fe­fonds des Bun­des­fach­ver­ban­des für unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge e.V. (BumF) und von PRO ASYL beglei­tet und koor­di­niert (Fall 1, Fall 2, Fall 3, Fall 4, Fall 5, Fall 6 und Fall 7).

Unser Ziel war es, die Aus­set­zung zu been­den, die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der gesetz­li­chen Aus­set­zung zu the­ma­ti­sie­ren und Fami­li­en zu empowern, vor Gericht ihr Recht auf Fami­lie ein­zu­kla­gen.

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Seit August 2018

Seit dem 1. August 2018 ist der Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Geschütz­ten ein­ge­schränkt wie­der mög­lich. Pro Monat dür­fen bis zu 1000 Visa erteilt wer­den. Aktu­ell beob­ach­ten wir mit Sor­ge, dass deut­lich weni­ger als 1.000 Visa pro Monat an Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge von sub­si­di­är Geschütz­ten erteilt wer­den, obwohl über 20.000 Men­schen auf einen Ter­min war­ten. Hier­zu sind wir im Gespräch mit Bera­tungs­stel­len und Anwalt­schaft und prü­fen mög­li­che Schrit­te vor Gericht.

Außer­dem beglei­ten wir in zwei Fäl­len Fami­li­en vor Gericht, deren Kin­der wäh­rend der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs voll­jäh­rig gewor­den sind. Hier ist eine höchst­rich­ter­li­che Klä­rung not­wen­dig, da aktu­ell die Eltern bezie­hungs­wei­se die Kin­dern nicht ein­rei­sen dür­fen (Fall 8 und Fall 9).

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Hin­ter­grund

Sub­si­di­är Schutz­be­rech­tigt sind Men­schen denen in ihrem Her­kunfts­land ein ernst­haf­ter Scha­den droht. Das sind bei­spiels­wei­se die Ver­hän­gung der Todes­stra­fe, Fol­ter oder unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung oder eine ernst­haf­te Bedro­hung des Lebens oder der Unver­sehrt­heit infol­ge will­kür­li­cher Gewalt im Rah­men eines Bür­ger­krie­ges. Die meis­ten Men­schen, die in Deutsch­land sub­si­diä­rem Schutz erhal­ten, kom­men aktu­ell aus Syri­en, Irak, Afgha­ni­stan oder Eri­trea.

 

Hin­ter­grund: Sub­si­där Schutz­be­rech­tig­te

Der Sub­si­diä­re Schutz wur­de vom euro­päi­schen Gesetz­ge­ber 2004 mit der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie ein­ge­führt. Denn die seit 1951 inter­na­tio­nal gel­ten­de Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) hat­te Schutz­lü­cken, die geschlos­sen wer­den soll­ten. Grund­la­ge war die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Nach dem euro­päi­schen Gesetz­ge­ber soll­ten sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te Aner­kann­ten nach der GFK gleich gestellt wer­den. Bis 2015 nahm der deut­sche Gesetz­ge­ber dies auch schritt­wei­se vor. So gal­ten im Fami­li­en­nach­zug im August 2015 für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te die glei­chen Rech­te wie für Aner­kann­te nach der GFK. Mit den soge­nann­ten Asyl­pa­ke­ten und wei­te­ren Asyl­rechts­ver­schär­fun­gen wur­de der sub­si­diä­re Schutz nach 2015 immer wei­ter geschwächt und als „ein­ge­schränk­ter“ Schutz bezeich­net.

Vie­le Fami­li­en aus den Kri­sen­re­gio­nen wer­den auf­grund der Flucht getrennt – z.B., weil Bür­ger­kriegs­zu­stän­de Cha­os ver­ur­sa­chen, weil die Flucht teu­er ist und sich vie­le Fami­li­en die­se nur schritt­wei­se leis­ten kön­nen oder weil man­che Fami­li­en­mit­glie­der kör­per­lich nicht in der Lage sind den oft­mals lebens­ge­fähr­li­chen Weg anzu­tre­ten. Fakt ist, die Tren­nung nimmt kei­ne Fami­lie leicht­fer­tig in Kauf.

Vie­le sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te in Deutsch­land war­ten schon seit 2015 dar­auf, dass ihre Fami­li­en kom­men dür­fen. Auch Kin­der sind unge­ach­tet ihres Alters oder psy­chi­schen Zustan­des davon betrof­fen. Sie trifft die ein­schrän­ken­de Rege­lung für den Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Geschütz­ten beson­ders hart. Kin­der, die wäh­rend der Zeit der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs voll­jäh­rig wur­den, kön­nen sich nach der aktu­el­len Behör­den­pra­xis nicht auf die Neu­re­ge­lung beru­fen und sind vom Fami­li­en­nach­zug aus­ge­schlos­sen.